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Jutta Riedel-Henck
Eltern-Kind-Musizieren
Natürliche Kommunikation mit einfachen Mitteln
– Einleitung –
»Ich bin zu alt, um noch ein Instrument zu lernen. Aber meine Tochter soll bekommen, was ich mir als
Kind immer gewünscht habe!«
Kennen Sie das auch? Wehmütig lauschen Sie den Klängen von Gitarre, Akkordeon, Geige oder Querflöte, folgen staunend den flinken Fingern eines begabten Pianisten, seufzen tief in sich hinein
und bemerken mit sehnsüchtiger Stimme: Wenn ich nur einmal so spielen könnte! Aber leider bin ich völlig unmusikalisch. Ich kann ja noch nicht mal ein einfaches Volkslied singen ...
Aktives Musizieren ist in unserer Kultur aus dem Alltag verschwunden. Längst haben wir uns damit abgefunden, Musik vor allem hörend zu genießen, uns berieseln zu lassen, den Traum zu
begraben, selber in die Flöte zu blasen, über Klaviertasten zu huschen oder flotte Rhythmen zu trommeln.
Die »hohe Kunst« der in Radio und Fernsehen auftretenden Musikprofis erscheint uns wie eine in den Himmel ragende Messlatte, unerreichbar für den einfachen Menschen, dessen Eltern weder ein
Klavier noch den dazugehörigen Unterricht bieten konnten. Nun, so meinen viele, ist es zu spät ...
So wie vielen Menschen der Umgang mit Musik verdorben wurde, litt ich als Kind im Sportunterricht Höllenqualen. Ich sah den hohen Bock, über den ich springen sollte, die »Sport-Cracks«
unserer Klasse mit schwungvollem Elan hinüberhopsen, als seien sie Frösche, und dachte nur daran, was mir nicht alles passieren könnte ... Also nahm ich Anlauf, um zugleich abzubremsen und mit schwachem Hüpfer
auf dem Sprungbrett zu landen, den Bock mit den Händen berührend, der wie eine unüberwindbare Hürde vor mir stehen blieb. Irgendwann gab ich es ganz auf. So oft ich konnte, blieb ich dem Sportunterricht fern.
Für meine Angst hatte kaum jemand Verständnis.
Ähnlich erging es anderen Kindern im Musikunterricht. Sich vor die erwartungsvollen Blicke einer Schulklasse zu stellen und ein Lied zu singen oder unbeholfen auf ein Xylophon zu schlagen,
bedeutete für manchen eine furchtbare Qual. Kaum jemand wird dabei ein Lachen vergessen, das seinen »schiefen« Tönen galt, dem stammelnden Brummen seiner Stimme oder leise dahingesäuselten Melodien. »Nie
wieder«, wird er sich sagen, »nie wieder will ich singen!« Und selbst, wenn er alleine in der Badewanne sitzt, muss er an die hämischen Bemerkungen seiner Klassenkameraden denken, die ihn aufforderten, seinen
Mund zu halten.
Nicht nur Kinder, auch ihre Eltern leiden unter der zunehmenden Aggressivität im Umgang miteinander. Während die Erwachsenen gelernt haben, ihre Gefühle zu unterdrücken und mit freundlichen
Gesten zu überspielen, können Kinder sich nicht so einfach verstecken: sie leben es einfach aus, zanken sich mit Hingabe um scheinbare Kleinigkeiten, werfen wütend mit Spielsachen und schlagen ihre Freunde.
Aggressionen, die Ausdruck naturgegebener menschlicher Triebe sind, machen vielen Eltern Angst. Kindliche Wutausbrüche wirken oft so heftig auf ihre eigenen Gefühle, dass sie befürchten, die
Selbstkontrolle zu verlieren. Statt sich das Recht einzuräumen, der eigenen Erregung Luft zu verschaffen und wütend herumzubrüllen, fürchten Erwachsene um den Verlust ihres Ansehens als Respektsperson und
beißen die Zähne zusammen.
Immer wieder erlebe ich, dass einige Kinder geladen zu meinem Eltern-Kind-Musizierkurs kommen und mit größter Kraft und äußerster Hingabe auf eine Trommel schlagen, als ob es ihnen nur darum
ginge, ihr Fell zum Platzen und Reißen zu bringen. Dabei wirken sie regelrecht berauscht von der Resonanz des ohrenbetäubenden Lärms. Ihren Müttern ist das meist peinlich. Sie schämen sich für die
Unbeherrschtheit ihres Kindes und greifen ein, fordern es zu mehr Vorsicht auf. Ihre Angst, sich vor den anderen Müttern zu blamieren, ist stärker als der Wunsch, das Kind in seiner Erregung zu verstehen und zu
stützen.
Nicht weniger als die Kinder, so brauchen auch ihre Eltern die Möglichkeit sich auszudrücken, ihren Trieben Platz zu verschaffen, ohne darunter zu leiden. Keinem Kind ist geholfen, wenn es im
Ausleben seiner Gefühle gefördert wird, während es zu Hause auf ängstliche Eltern trifft, die es in seinem natürlichen Drang sich auszudrücken zugleich wieder drosseln.
Mit diesem Buch möchte ich anregen, Eltern und ihre Kinder einander wieder näher zu bringen, im gemeinsamen Spiel und absichtslosen Erleben Spaß zu finden, mit einfachen Mitteln
auszudrücken, was sie fühlen, ohne Zwang, mit dem Recht, sich ebenso zu verweigern und einfach zu schweigen, wenn sie das Bedürfnis dazu haben.
– Hemmungen überwinden –
Im Umgang mit dem Begriff Musik kommt es leicht zu überhöhten Ansprüchen. Geräusche und Klänge des
Alltags nimmt kaum jemand wahr. Vogelgesang wird durch Straßenverkehr übertönt, alles Hörbare zur selbstverständlichen Geräuschkulisse, an die wir uns irgendwann gewöhnt haben. Unsere Kultur zeichnet sich vor
allem durch eine Überfütterung und daraus resultierende Überforderung der Sinne aus. Statt nach Ruhe zu suchen, kapseln wir uns ab, wird der CD-Player auf vollste Lautstärke gedreht, um in einem akustischen Raum
Geborgenheit zu finden. Das Wiedererkennen von Melodien und Rhythmen erweckt ein heimisches Gefühl, jugendliche und erwachsene »Fans« suchen Halt an ihrer Lieblingsmusik, klammern sich an deren Interpreten wie
kleine Kinder an ihre Eltern.
Immer wieder beobachte ich, dass Kinder viel weniger Probleme haben als Erwachsene, sich unvoreingenommen und spontan auf experimentelle Situationen einzulassen. Schüchternheit tritt vor allem
in Begleitung von Erwachsenen auf, sobald die Kinder unter sich sind, werden sie schneller miteinander warm.
Aus diesem Grund ziehen viele pädagogisch Tätige es vor, mit den Kindern in Abwesenheit ihrer Eltern zu arbeiten bzw. spielen. Sie fühlen sich weniger beobachtet und kontrolliert.
Allerdings birgt die Ausklammerung der für das Kind wichtigsten Erziehungspersonen die Gefahr in sich, Konkurrenz- und Schwellenängste heraufzubeschwören. Probleme werden weniger gelöst als
abgegrenzt oder aufgeteilt. Die Konfrontation von Eltern und »studierten«, beruflich engagierten Erziehern geschieht weniger direkt als durch die Kinder, die als Mittler zwischen zwei Parteien wirken, ohne diesen
Zwiespalt zu durchschauen.
Es ist kann tatsächlich anstrengend sein, mit Kindern und ihren Eltern (meist sind es die Mütter) gemeinsam zu musizieren. Gerade zu Beginn eines Kurses gibt es Hemmungen, die einen freien
Umgang mit Klängen und Geräuschen behindern.
Viel problematischer finde ich jedoch, den Kindern einen hemmungslosen Freiraum, begrenzt auf eine bestimmte Zeit, zu gewähren, um sie anschließend in den weniger aufregenden Alltag ihres
Familienlebens zu entlassen. Die Musizierstunde muss ihnen auf diese Weise wie ein Schlaraffenland erscheinen, während die Eltern zu den alles behindernden Buhmännern werden.
Wie oft musste ich mich z. B. gegen aufkommende Schuldgefühle wehren, wenn meine Tochter aus dem Kindergarten kam und selbstverständlich forderte, mit mir zu basteln, den Abwasch machen zu
dürfen oder irgendwelche Spiele nachzuahmen, die sie dort gelernt hatte. Jede Mutter weiß, wie kompliziert und nervenaufreibend der Abwasch mit einem Kleinkind werden kann, den sie nun mal schnell hinter sich
bringen möchte. Für ein Kind ist es natürlich sehr schwer einzusehen, warum es im Kindergarten gelobt wird für die Hilfe beim Abwasch, während die eigene Mutter gereizt die Augen rollt.
Kommt nun ein Kind aufgekratzt aus dem Musikunterricht, um zu Hause mit größter Hingabe auf Dosen, Töpfe und Gläser zu schlagen, während der Vater gerade in Ruhe seine Zeitung lesen oder
die Mutter nach anstrengender Hausarbeit gemütlich Radio hören möchte, ist ein Streit geradezu vorprogrammiert. „Die blöden gemeinen Eltern“ verbieten dem Kind, was die „liebe tolle“
Musiklehrerin eben noch in höchsten Tönen lobte und förderte.
Durch solche Arbeitsteilung in der Erziehung geraten viele Eltern in Gefahr, geradezu entmündigt zu werden, sich inkompetent im Umgang mit den eigenen Kindern zu fühlen, die das Ausleben ihrer
natürlichen Triebe außerhalb ihrer Familie lernen, um sich zu Hause in Anpassung und Unterwerfung zu üben. Dass viele Erzieher, Lehrer usw. die zunehmende Aggressivität in Kindergarten und Schule beklagen, ist
weniger die Schuld der Eltern als jener, die in Konkurrenz zu ihnen handeln, indem sie den Kindern bieten, was sie in ihrer Familie zu vermissen scheinen. Kinderaugen durch Aufmerksamkeit zum Leuchten zu bringen,
ist ein leichtes Spiel. Dass es aber in erster Linie die Aufmerksamkeit und Liebe seiner Nächsten braucht, um wirklich Vertrauen zu entwickeln, wird dabei gerne vergessen oder bewusst vernachlässigt.
– Musikinstrumente –
Es muss nicht gleich eine schicke Stradivari sein, ein schwarz glänzender Konzertflügel oder eine auf
Hochglanz polierte Silberflöte. Wer mit kleinen Kindern lebt oder arbeitet weiß, dass knisternde Zellophantüten einen ungeheuren Reiz auf die Sinne eines Babys ausüben, jedes Geräusch wird zugleich Musik in
ihren Ohren, und die Stimme von Mama ist dabei in ihrer Wirkung kaum zu überbieten.
Für Babys zählen weniger exakt intonierte Melodien als die Schwingungen der im Klang und Geräusch ausgedrückten Emotionen. Je natürlicher, desto besser. Lebendig wird Musik vor allem durch
Eigenartiges, Fehlerhaftes, Unperfektes. Das flexibelste Instrument ist jenes, über das fast jeder von uns verfügt: die Stimme.
Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal gewundert, dass in der Pop-Musik so mancher Star eine besonders auffällige Stimme hat, die heiser klingt, derb und alles andere als dem
Schönheitsideal des reinen Klanges entspricht. Charakter äußert sich nicht durch die Treffgenauigkeit vorgegebener Noten.
Sicher, es gibt begabte Menschen, die mit Leichtigkeit komplexe Melodien erfassen und nachsingen, deren Stimme einen riesigen Umfang hat und mikrophonlos die hintersten Besucher eines großen
Konzertsaales erreicht. Für den alltäglichen Gebrauch und die natürliche Kommunikation unter Menschen ist diese kunstvolle Art des Gesangs unnötig und übertrieben.
Wer Lust zum Musizieren hat, sollte sich daher erst einmal fragen, warum. Geht es in erster Linie um Anerkennung, Lob und Verdienste durch ein beifalltosendes Publikum? Möchte er die
Erwartungen von Verwandten, Freunden, Bekannten, Lehrern ... erfüllen? Oder fühlt er sich vielmehr mit einem singenden Vogel verwandt, der seine Freude am Leben aus sich herauszwitschert, um seine Artverwandten
anzusprechen, auf der Suche nach einem Partner und Freund?
Viele kultivierte erwachsene Menschen schämen sich, wenn sie tierische Laute von sich geben sollen. Kaum jemand wagt, ohne Anwendung von Rauschmitteln herumzualbern und unverständlichen
Quatsch zu plappern. Berechnung und Kontrolle von Gefühlsäußerungen bestimmen unseren alltäglichen Umgang, nur Kindern wird in Maßen ein gewisser Freiraum zum Herumblödeln zugestanden und natürlich jenen, die
ihre „Narretei“ zum Beruf gemacht haben: die verrückten Künstler, Musiker, Schauspieler, Komödianten ...
Schade! Denn Talent zum kindischen Quatschmachen haben wir doch eigentlich alle, oder etwa nicht?
zum praktischen Teil
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